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Praxisleitfaden 01 · KRITIS

KRITIS in der Praxis:
Wenn Erfahrung plötzlich fehlt

Warum organisatorische Resilienz weit vor der eigentlichen Krise beginnt.

Praxiswissen aus Audits und Beratung

Organisatorische Resilienz zeigt sich nicht erst in der Krise. Sie beginnt dort, wo Erfahrungswissen geteilt, Vertretungen wirksam vorbereitet und Schnittstellen zwischen Betreiber und Dienstleister klar gestaltet werden.

Praxisleitfaden

Der Praxisleitfaden im Original

Lesen Sie die sechs Seiten in ihrer vollständigen, ursprünglich gestalteten Fassung.

Praxisleitfaden KRITIS – Seite 1: Cover
Praxisleitfaden KRITIS – Seite 2: Vorwort
Praxisleitfaden KRITIS – Seite 3: Kapitel 1 – Wenn Erfahrung plötzlich fehlt
Praxisleitfaden KRITIS – Seite 4: Ablauf um 02:17 Uhr
Praxisleitfaden KRITIS – Seite 5: Der eigentliche Schwachpunkt
Praxisleitfaden KRITIS – Seite 6: Auditorenblick, Nachgedacht und Merksatz

Vollständiger Fachartikel

Aus der Praxis.
Für die Praxis.

Fast drei Jahrzehnte Erfahrung in der Sicherheits- und Facility-Management-Branche haben mir gezeigt: Resilienz entsteht nicht durch Technik allein, sondern durch Menschen, Prozesse und klare Verantwortung.

Das KRITIS-Dachgesetz macht dies zur Pflicht. Dieser Leitfaden hilft Ihnen, Anforderungen verständlich zu machen und in wirksame Maßnahmen zu überführen.

Er basiert auf Erfahrungen aus Audits und Beratungsprojekten. Beispiele sind anonymisiert und praxisnah aufbereitet.

Jeder Abschnitt bietet Ihnen den Auditorenblick, Denkanstöße im Abschnitt Nachgedacht und einen Merksatz für die schnelle Orientierung.

Mein Ziel: Ihnen Impulse geben, Risiken zu erkennen, Abhängigkeiten zu reduzieren und Ihre Organisation nachhaltig widerstandsfähig zu machen.

Ich wünsche Ihnen eine inspirierende Lektüre und viele wertvolle Erkenntnisse für Ihre Praxis.

Andreas Inhuber
Gründer & Berater
CertVisio Consulting

Kapitel 1

Wenn Erfahrung plötzlich fehlt

Dienstag, 02:17 Uhr.

Die Sicherheitsleitstelle eines KRITIS-Betreibers arbeitet ruhig und routiniert. Auf den Monitoren laufen Brandmeldeanlagen, Einbruchmeldesysteme, Videoüberwachung, Zutrittskontrolle und die technische Gebäudeüberwachung zusammen.

Für die Mitarbeitenden ist es eine gewöhnliche Nachtschicht – scheinbar.

Doch an diesem Abend ist etwas anders.

Die erfahrene Leitstellenfachkraft befindet sich im wohlverdienten Urlaub. Ihren Arbeitsplatz übernimmt ein qualifizierter Vertretungsmitarbeiter. Er kennt die technischen Systeme, verfügt über alle erforderlichen Berechtigungen und wurde sorgfältig eingearbeitet.

Auch beim beauftragten Sicherheitsdienstleister gibt es eine personelle Veränderung. Der langjährige Sicherheitsmitarbeiter wird durch einen erfahrenen Kollegen vertreten, der das Objekt jedoch zum ersten Mal betreut.

Beide Vertretungen sind gut ausgebildet.

Was ihnen fehlt, ist das gemeinsame Erfahrungswissen aus vielen Jahren Zusammenarbeit.

Die Situation

02:17 Uhr

Um 02:17 Uhr geht die erste Störungsmeldung ein. Wenige Sekunden später folgen weitere.

Ein Teilbereich verliert die Netzversorgung. Die Notstromversorgung übernimmt automatisch. Mehrere Kameras melden Verbindungsabbrüche und einzelne Zutrittskontrollsysteme wechseln in den Störungsmodus.

Zeitgleich meldet der Sicherheitsdienst, dass die übliche Zufahrtsstraße aufgrund einer Überflutung nicht passierbar ist. Der Vertretungsmitarbeiter muss auf eine alternative Zufahrt ausweichen, kennt diese jedoch nicht. Währenddessen wartet die Leitstelle auf seine Rückmeldung.

Der Vertretungsmitarbeiter in der Leitstelle arbeitet die vorhandenen Arbeitsanweisungen Schritt für Schritt ab. Auch der Sicherheitsmitarbeiter orientiert sich an den Dienstanweisungen seines Unternehmens.

Doch nach wenigen Minuten entstehen erste Unsicherheiten.

  1. 02:17 Erste Störungsmeldung
  2. 02:17–02:18 Netzausfall in einem Teilbereich
  3. 02:18 Notstromversorgung übernimmt
  4. 02:19 Kameras melden Verbindungsabbrüche
  5. 02:20 Zutrittskontrollsysteme im Störungsmodus
  6. 02:21 Zufahrt überflutet, Alternative unklar
  7. 02:30+ Lagebewertung und Maßnahmen laufen an

Die Fragen hinter der Störung

  • Welche Meldungen sind in dieser Situation tatsächlich kritisch?
  • Welche Störungen sind Folgefehler und welche erfordern sofortiges Handeln?
  • Welche alternativen Zufahrten stehen Einsatzkräften zur Verfügung?
  • Wer entscheidet über zusätzliche Sicherungsmaßnahmen?
  • Welche Ansprechpartner müssen in welcher Reihenfolge informiert werden?
  • Welche Vorgehensweise hat sich bei vergleichbaren Ereignissen bewährt?

Auf viele dieser Fragen gibt es keine dokumentierte Antwort. Die Antworten befinden sich überwiegend im Erfahrungswissen der Mitarbeitenden, die seit Jahren gemeinsam arbeiten.

Nach mehr als einer Stunde stabilisiert sich die Lage. Die technischen Systeme funktionieren wieder zuverlässig, größere Auswirkungen konnten verhindert werden.

Der eigentliche Schwachpunkt lag jedoch nicht in der Technik.

Kapitel 1

Der eigentliche Schwachpunkt

Die Leitstelle verfügt über moderne Technik. Der Betreiber verfügte über qualifizierte Mitarbeitende. Auch der Sicherheitsdienstleister erfüllte seine vertraglichen Verpflichtungen.

Trotzdem entstand Unsicherheit.

Warum? Kritisches Wissen war nicht ausreichend dokumentiert. Prozesse waren nur teilweise beschrieben. Viele Entscheidungen beruhten auf persönlicher Erfahrung, langjähriger Zusammenarbeit oder informellen Absprachen.

Besonders an den Schnittstellen zwischen Betreiber und Dienstleister zeigte sich: Wertvolles Erfahrungswissen befand sich ausschließlich in den Köpfen einzelner Mitarbeitender.

Genau hier beginnt organisatorische Resilienz.Sie entsteht nicht durch Technik. Sie entsteht durch dokumentierte Abläufe, gemeinsames Verständnis und regelmäßig geübte Zusammenarbeit zwischen Betreiber und Dienstleister.

Das KRITIS-Dachgesetz verfolgt genau dieses Ziel: Nicht nur die eigene Organisation widerstandsfähig zu machen, sondern auch die Zusammenarbeit mit wesentlichen Dienstleistern so zu gestalten, dass kritische Funktionen jederzeit aufrechterhalten werden können.

Resilienz ist niemals eine Einzelaufgabe. Sie ist eine gemeinsame Verantwortung.

Reflexion und Handlungsimpuls

Was bleibt?

Merksatz

Eine Vertretung ersetzt eine Person.
Resilienz ersetzt die Abhängigkeit von einzelnen Personen.

Zusammenfassung

Resilienz beginnt mit geteiltem Wissen

Vertretungen sichern einzelne Funktionen. Organisatorische Resilienz entsteht jedoch erst, wenn Erfahrungswissen dokumentiert, Verantwortlichkeiten geklärt und die Zusammenarbeit zwischen Betreiber und Dienstleister regelmäßig erprobt wird.

Dies ist Teil 1 einer geplanten Fachbeitragsreihe von CertVisio Consulting zu KRITIS, Resilienz, Qualitätsmanagement und organisatorischer Sicherheit.

Weitere Praxisbeispiele folgen.

Fortsetzung folgt

Dieser Praxisleitfaden ist Teil einer fortlaufenden Fachbeitragsreihe von CertVisio Consulting.

Ziel dieser Reihe ist es, komplexe Anforderungen aus den Bereichen KRITIS, Qualitätsmanagement, Sicherheitswirtschaft und organisatorische Resilienz anhand praxisnaher Beispiele verständlich und nachvollziehbar aufzubereiten.

Weitere Leitfäden und Praxisbeispiele werden regelmäßig veröffentlicht und erweitern diese Wissenssammlung kontinuierlich.

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